Texte zu Gottesdiensten
im Kirchenjahr




19. Oktober

Joel, Hosea, Obadja (blau #) Propheten des Gerichts
So spricht Gott der Herr: Ich rede wieder zu Propheten, und ich bin's, der viel Offenbarung gibt und durch die Propheten sich kundtut. (Hos 12,11)

Zum christlichen "Gedenken der Heiligen" wird häufig auf die "Wolke der Zeugen" nach Hebräer 12,1 hingewiesen; da sind es eben Abel, Henoch, Noah, Abraham und Sara etc. etc., die namentlich genannt werden. In manchen Kirchen der Ökumene (Orthodoxie, Anglikanische Kirche in Kanada, amerikanische Lutheraner (LCA)) wird neben den Heiligen des Neuen Bundes auch an herausragende Gestalten des Ersten Bundes mit Texten aus dem Alten Testament (Tora, Prophetenbücher, Schriften) sowie dem Neuen Testament erinnert. So kann deren Gedenken berechtigterweise auch „Thema“ für einen Wochen-Gottesdienst in evangelischer Tradition abgeben. (Gerade König David wird in der Confessio Augustana, Art. 21 als ein "Heiliger" angeführt, dessen Beispiel man folgen könne.) Entsprechend werden Vorschläge für eine abendliche Feier (Vesper) mit Elementen aus der Tagzeitenliturgie geboten.

 

Abendgottesdienst

Eröffnung (Begrüßung)
Gelobt sei Gott, der Herr, der Gott Israels, der allein Wunder tut. Gelobt sei sein herrlicher Name ewiglich und alle Lande sollen seiner Ehre voll werden.  (Ps 72,28.29) R: Amen.
Wir begehen in dieser Woche den gemeinsamen Gedenktag dreier Propheten – Joel, Hosea und Obadja -, bei denen die Ankündigung des Gerichts Gottes besonders hervortritt, die aber historisch verschiedenen Jahrhunderten zuzuordnen sind. Hosea, der heute besonders im Mittelpunkt unseres Gedenkens steht, ist der älteste, dessen Name "Gott ist die Rettung" bedeutet, und er wirkte um 755 bis 725 in Israel. Er war ein gebildeter Mann, wohl Beamter am Königshof in Samaria, dem heutigen Shomron in Palästina -, verheiratet mit einer unzüchtigen Frau (Hos 1), wohl einer Tempelhure; als symbolischer Akt sollte dies auf die sittlichen Verfehlungen des Volkes hinweisen. Rund dreißig Jahre lang wirkte er als Prophet zunächst im Nordreich Israel und kritisierte die kultischen Verfehlungen – insbesondere den Einfluss kanaanitischer Religion – und die Machtpolitik der Könige. Nach dem Fall des Nordreichs wirkte er im Südreich in Jerusalem. Am Ende heiratete er noch einmal, diesmal als Symbol der verheißenen Heilszeit (Hos 3). Die Grundzüge des nach ihm benannten alttestamentlichen Prophetenbuches hat Hosea wohl selbst niedergeschrieben.
Die Lebensdaten des Propheten Joel, dessen Name "Der Herr ist Gott" bedeutet, und auf den wir uns diesmal konzentrieren, sind schwer zu bestimmen. Er lebte wohl im 4. vorchristlichen Jahrhundert, wirkte in Jerusalem als Kultprophet und weckte im Volk die Hoffnung auf den “Tag JHWHs” als Offenbarung von Gottes Gericht und Gnade und als Aufrichtung der endgültigen Gottesherrschaft. Seine Ankündigung der allgemeinen Geistausgießung (Joel 3, 1–5) wurde von Lukas zur Deutung des Pfingstgeschehens herangezogen (Apg 2, 15–21). (a)
Obadja schließlich, dessen Name "Knecht des Ewigen" bedeutet, ist Autor des kürzesten Buches im Alten Testament. Es gilt als besonders düster, [charakteristisch sind seine scharfen Worte gegen die Edomiter, die Nachfahren Esaus, mit der Ankündigung ihres Untergangs, dass sie Besitz und Land bis hinunter zum Negeb verlieren würden. Einzelne Sprüche stammen wohl auch aus der frühesten Exilzeit (nach 587 v. Chr.) ] Aus dem Buch Obadja wird für gewöhnlich nichts im evangelischen Gottesdienst gelesen. Die "geradezu hämische Begeisterung" (b) lässt sich vielleicht dadurch relativieren, dass "das Buch... auch in seinem kanonischen Kontext zu lesen (ist): vor dem Buch Jona, das von der unbegrenzten und unbegreiflichen Barmherzigkeit allen Völkern gegenüber erzählt." (c)
[ Lied: Wohl denen, die da wandeln – EG 295,1–4 ]

oder Eröffnung (Ingressus): Herr, bleibe bei uns (EG Wü 781.1)

Psalmodie (gesungen)
mit dem Evangelischen Tagzeitenbuch
Leitvers: Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt euer Herz nicht.
Psalm 78 A – Höre mein Volk, meine Unterweisung (TZB 493)

oder Psalmgebet (gesprochen)
Votum: Ich will dich mir verloben in Gerechtigkeit und Recht, in Gnade und Barmherzigkeit. Ich will dich mir verloben in Treue, und du wirst den Herrn erkennen. (Hos 2,21.22)
Psalm 25: Nach dir, Herr, verlangt mich (EG.E 42 / EG 713)

Tagesgebet
Beten wir in der Stille zu Gott, der durch seine Boten zur Umkehr ruft – Stille –
Gott, mit deinem Geist der Wahrheit, den die Welt niemals fassen kann, wecke unsere Herzen auf im Erschrecken vor deinem Kommen, erfülle uns mit Verlangen nach deinem Frieden und entzünde in uns die Sehnsucht, dein rettendes Wort zu verkünden. So bitten wir um deiner Verheißung willen. Dir sei Ehre in Ewigkeit. (d)

Lesung (Altes Testament): Hosea 11,1–9 – Wie kann ich dich preisgeben, Ephraim
oder: Joel 3,1–5 – ... meinen Geist ausgießen über alles Fleisch

Antwortgesang: Weise mir, Herr, deinen Weg (EG Wü 779.3)

Lesung (Neues Testament): Römer 11,29–36 – Gottes Barmherzigkeit
oder Apostelgeschichte 2,14–21 – ... was durch den Propheten Joel gesagt worden ist ...

Antwortgesang: Fest wie der Himmel steht dein Wort (EG Wü 780.6)

Auslegung oder Betrachtung (e)

Lied: Geist des Glaubens, Geist der Stärke – EG 137,1.2.9

[ Canticum (f)
Leitvers: Der Herr hat uns aufgerichtet eine Macht des Heiles im Hause seines Dieners David.
Benedictus: Gelobt sei der Herr, der Gott Israels (EG Wü 779.6) ]

Fürbitten
Gott, versage dich uns nicht, auch wenn wir Menschen sind, die oft versagen. Vielmehr komme du mit deinem Geist auf uns zu und erfülle und vollende, wie du es verheißen hast. Wir rufen dich an: R: Kyrie eleison.
Lass nicht über uns kommen, was uns bedroht, was uns ängstigt und quält. Vielmehr komme du mit deinem Geist und breite deinen Frieden aus, der unser Begreifen übersteigt. Wir rufen dich an: R: Kyrie eleison.
Lass nicht über uns kommen, was unser Miteinander als Brüder und Schwestern gefährdet. Vielmehr komme du mit deinem Geist und führe deine Rettung herauf, die uns dankbar werden lässt und der Liebe öffnet. Wir rufen dich an: R: Kyrie eleison.
Lass nicht über uns kommen, was böse ist und böse macht und zur Vernichtung führt. Vielmehr komme du mit deinem Geist und bring mit dir das Leben, das den Tod nicht fürchten muss. Wir rufen dich an: R: Kyrie eleison.
Wenn aber das uns bedroht, was sich ankündigt als Zeichen des Endes; wenn düster erscheint, was dir vorangeht; wenn Erschrecken sich breit macht und auch unsere Hoffnung gefährdet und unsere Erwartung niederdrückt, dann zögere nicht länger, dann komme mit deinem Geist und überwältige uns, dass uns das Herz froh und weit wird, weil du die Welt erneuern willst. Wir rufen dich an: (g)R: Kyrie eleison.

Vaterunser

Schlussgesang: Verleih uns Frieden gnädiglich (EG 421)
oder Schalom chaverim (EG 434)

Segen
[V:] Gott sei uns gnädig und segne uns, [R:] er lasse uns sein Antlitz leuchten, [V:] dass man auf Erden erkenne seinen Weg [R:] unter allen Völkern sein Heil. (Ps 67,1.2)

 

Anhang

Zum Hosea-Buch
In theologischer Hinsicht ist das Hoseabuch ungemein reichhaltig. Thematisch werden zentrale theologische Fragen angesprochen: Polemik gegen → Baal; Höhenkult; Verlassen des Landes; → Bilderverbot; falsche Bündnispolitik; Umkehr; Erwählung und Gottes Liebe. Prägend war das Hoseabuch vor allem für Jeremia und das Deuteronomium. Im Neuen Testament wird das Hoseabuch zitiert in Mt 2,15; Mt 9,13; Röm 9,25–26; 1. Kor 15,4–5.
Ein wesentliches Kennzeichen der Theologie des Hoseabuches ist die breite Aufnahme der Heilstraditionen Israels: Jakobtradition..., Mosetradition ..., Wüstenerwählungstradition ..., Bundestradition...; Dekalogtradition... Diese in quantitativer und qualitativer Sicht äußerst reichhaltigen Bezugnahmen auf die Tora haben für die theologische Verbindung von Tora und Prophetie eine große Bedeutung gehabt. Das Hoseabuch erinnert an JHWH als den Gott Israels und an dessen Heilstaten. Zugleich wird festgestellt, dass das Gottesvolk die entscheidenden Stationen seiner Glaubensgeschichte gänzlich vergessen und missachtet hat. Es hat dadurch das Wissen um JHWH als seinen alleinigen Herrn verloren und seine Bestimmung als dessen Volk verspielt. Hosea polemisiert zudem scharf gegen den kanaanäischen Gott Baal und dessen Verehrung. In Baal sieht Hosea den Antipoden JHWHs (Hos 2,4–15), durch den das Gottesvolk aufgrund seiner Naturtheologie von JHWH weggeführt wird. Im Hoseabuch wird zugleich das gegenwärtige Königtum aufgrund seines Fehlverhaltens energisch kritisiert (z.B. Hos 8,4). Die Könige haben nach Hosea ihre Bestimmung als Repräsentanten von Gottes Gerechtigkeit verloren. Spätere judäische Bearbeiter haben allerdings das davidische Königtum ausdrücklich von dieser Kritik ausgenommen und dem abtrünnigen Nordreichskönigtum den wahren König David gegenüber gestellt (Hos 3,5). Die Botschaft des Hoseabuches lässt sich als leidenschaftliches Plädoyer für den Gott verstehen, der sich Israel offenbart hatte, um von ihm erkannt zu werden und für es da zu sein. (h)
Für das Joel-Buch: www.Bibelwissenschaft.de – Jörg Jeremias (2008), Artikel zu Joel oder Hosea – Der Mahner, S. 46,47
Joel – Der Zerrissene, S. 55,56
in: H. Bedford-Strohm, Die Personen der Bibel, München 2016

 

Quellen und Vorlagen

Soweit nicht anders angegeben sind Bibelverse wörtlich zitiert aus: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung – revidiert 2017, © 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart # als eigenständige liturgische Farbe für das Gedenken alttestamentlicher Gestalten könnte das adventliche Blau (der Erwartung) verwendet werden, wie in der schwedischen und finnischen Kirche sowie in einer Reihe amerikanischer Denominationen (z.B. Lutheraner) gebräuchlich [ ] durch Klammern gekennzeichnete Stücke können entfallen a vgl. Ökumenisches Heiligenlexikon zu Hosea und Joel. b vgl. P. Calvocoressi, Who's Who in der Bibel, Stuttgart 1993, S. 176 c vgl. U. Rapp in: Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 2006, S. 985 d vgl. Evangelisches Gottesdienstbuch, Berlin 2000, S. 345 e ggf. unter Verwendung der Information zu den einzelnen Prophetenbüchern (i) f Die Verwendung des Benedictus als Canticum in diesem besonderen Abendgottesdienst legt sich durch den Bezug zu Johannes den Täufer nahe, da er in ostkirchlicher Tradition als Repräsentant des ersterwählten Gottesvolkes gesehen wird (vgl. Darstellung der Deisis). g vgl. M. Meyer, Nachdenkliche Gebete, Göttingen 1988, S. 13 h vgl. www.bibelwissenschaft.de, Heinz-Dieter Neef, Artikel zu Hosea und das Hoseabuch