Wie die Anweisung in 1. Korinther 16,20: „Grüßt einander mit dem heiligen Kuss.“ im Gottesdienst der frühen Gemeinde realisiert wurde, soll hier nicht weiter verfolgt werden. Auf jeden Fall hat in der Gegenwart der Friedensgruß seinen traditionellen Platz in den Gottesdiensten der verschiedenen Konfessionen gefunden oder wurde erst neu eingeführt. Dagegen gibt es bei manchen Gemeindegliedern Vorbehalte, weil sie die Praxis als „übergriffig“ empfinden. Bereits von daher ist eine entsprechende Sensibilität bei diesem Thema gefordert. Der Brauch des Friedensgrußes wird sehr verschieden gehandhabt, hat an verschiedenen Stellen im Gottesdienst seinen Platz und wird mit unterschiedlichen Zusagen (und Deutungen verbunden.
In der Orthodoxie geht er als ausführlicher Akt dem Glaubensbekenntnis voraus, beginnend mit dem Gruß des Priesters: „Friede allen“ und der Gemeinde-Antwort: „und mit deinem Geiste“, gefolgt vom Aufruf des Diakons: „Lasst uns einander lieben, damit wir eines Geistes bekennen (den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, die wesensgleiche und unteilbare Dreiheit).“ Nach dreimaliger Verbeugung und dem Kuss von Kelch und Altar grüßen sich die Mitliturgen mit: „Christus ist in unserer Mitte“ und empfangen die Antwort: „Er ist es und wird es sein.“ Danach folgt der Friedenskuss.
In der alten Messordnung der Evangelischen Michaelsbruderschaft gab es eine frühere Form des Friedensgrußes vor den Fürbitten, der vom Altar ausgeht und dann in die Gemeinde weitergereicht wird, indem er mit beiden geöffneten Händen empfangen und dann umgekehrt mit beiden aufgelegten Händen dem Nachbarn zugesprochen wird. Eingeleitet wird der Friedensgruß mit dem Votum des Diakons: „Erkennt euch in dem Herrn, keiner sei wider den anderen, keiner ein Heuchler, vergebet, wie euch vergeben ist, nehmt euch untereinander auf, wie Christus euch aufgenommen hat zum Lobe des Vaters.“ In der neuen Messordnung der EMB wie schon im Evangelischem Gottesdienstbuch (S. 65 und S. 137) hat man den Brauch der römisch-katholischen Kirche übernommen, bei dem nach dem Vaterunser im Anschluss an das Eucharistiegebet nach einer speziellen Bitte um Frieden der Priester den Friedensgruß spricht und der Diakon die Gemeinde aufruft: „Gebt einander ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung“, woraufhin die Gottesdienstbesucher sich spontan den Umstehenden mit Handschlag zuwenden.
Die Abendmahlsordnung der Church of England von 2000 sieht nach den Fürbitten und vor der Bereitung des Tisches einen Friedensgruß mit der Aufforderung „Let us offer one another a sign of peace“ vor, ohne weitere Angaben zur Praxis. Ähnlich ist es in den verschiedenen Settings der Evangelical Lutheran Church in America. Diese Verortung wird in einer Veröffentlichung der ELCA über den Ablauf der Liturgie in dem Sinn verstanden, dass sich der Friedensgruß sachgemäß an das Engagement für andere in den Fürbitten anschließt und zur folgenden Sammlung von Geld und den Gaben für das Mahl überleitet, durch die ein weiterer Kreis diakonische Zuwendung erfahren soll.
In der Evangelischen Liturgie wird ähnlich vorgeschlagen, den Friedensgruß an dieser Stelle zwischen Fürbitten und Gabenbereitung / Gabensammlung zu platzieren, um die Verbindung von liturgisch und diakonisch ausgedrückter Zuwendung anzudeuten. Gleichzeitig wird damit der Friedensgruß aus seiner Stellung zwischen Mahlgebet und Austeilung herausgelöst, um dort den Zusammenhang zwischen Mahlgebet und Austeilung zu betonen und die Gebetshaltung nicht durch eine andersartige, eigens bedeutsame Aktion zu unterbrechen. Der Gemeinschaftsaspekt des Abendmahls wird so keineswegs geschmälert. Auch das Verständnis der Bitte um Frieden im Agnus Dei bleibt weiter erhalten. Der Friedensgruß wird passend zum Proprium des Gottesdienstes durch ein biblisches Wort eingeleitet.
Evtl. Probleme im Zusammenhang mit dem Friedensgrußes mögen Anlass zur weiteren Reflexion dieser Praxis sein:
Ich gehe davon aus, dass der Friedensgruß ein liturgisches Zeichen und kein „Realvollzug“ ist, wie etwa der inzwischen in viele Trauungsliturgien eingewanderte Kuss des Paares. Im Gottesdienst haben wir primär die Rolle des Gemeindegliedes, sind zwar zugleich auch Handwerker oder Mutter oder Nachbar oder Fremder oder Bürgermeisterin, oder, oder …, aber das tritt in den Hintergrund. So können z.B. zerstrittene Nachbarn dennoch gleichzeitig am Gemeindeabendmahl teilnehmen, den Friedensgruß tauschen, ohne dass der Konflikt (damit) behoben wäre. Im Abendmahl geht es - nach evangelischem Verständnis - um das Teilen der Zusage der vorbehaltlosen Annahme des Sünders durch Gottes gnädige Zusage. Alle sind in gleicher Weise und nicht manche mehr und andere weniger auf die Zuwendung Gottes in Christus angewiesen. Wenn dazu - in Hinführung - der „Friede, höher als alle Vernunft“ von Christus her verkündet und zeichenhaft „weitergegeben“ wird, sind Probleme, die zwischen den Feiernden bestehen, nicht automatisch beseitigt, sondern es wird ein Weg gezeigt, auf den sich die Teilnehmer am Abendmahl einlassen und der sie motivieren kann, (wieder) miteinander in Frieden zu leben. Insofern lautetet der Gruß „Friede sei mit dir“ im Grunde „Friede von Christus her kann und soll mit dir (und zwischen uns) sein“. Aus diesem Grund halte ich es für erwägenswert, ob die Geste, die den Friedensgruß begleitet, nicht stärker von den alltäglichen Bekundungen von Respekt, Sympathie, Zuneigung oder Intimität abweichen sollte. Ich könnte mir gut die Geste aus dem asiatischen Raum vorstellen, bei der man sich mit zusammengelegten Händen einander zuwendet, sich gegenseitig verneigt und einfach „Friede“ sagt. So ließe sich auch der direkte körperliche Kontakt vermeiden, der für manche schwierig ist oder nicht erlaubt sein kann.