RB – 30.08.2026
Ein durchgängiges, immer wiederkehrendes Element des gefeierten Gottesdienstes ist das „Kyrie eleison. Es wird oft als „Bußruf“ durch seine häufige liturgische Verbindung zum Sündenbekenntnis gedeutet, wogegen sich z.B. Wilhelm Stählin wendet, wenn er erklärt: „Es bedeutet eine Verengung, bei diesem Gebetsruf nur die Vergebung der Sünden zu denken, und es geht die Vielfalt der Beziehungen verloren, unter denen wir uns aus der Finsternis nach dem hellen Licht ausstrecken; vor allem aber verschwindet in dem nur als Sündenbekenntnis verstandenen und gebrauchten Kyrie eleison der positive Klang der Huldigung, mit der wir den König und Herrn begrüüssen... (S. 45)“
Schon in der Leiturgia (Bd. II) von 1955 hat Karl Ferdinand Müller zutreffend geschrieben: „Das Kyrie ist der unaufhörliche Bittruf der Kirche. Es ist das auf dieser Erde nie verstummende Pilgerlied der Christen. Ohne den Kyrieruf ist das Leben des Christen nicht zu denken. Denn das Kyrie umfasst ohne Ausnahme alle Lasten und Leiden dieser Welt und befiehlt sie in Gottes Erbarmen... In der Hinwendung des Kyrie zu Gott, dem Vater, dem Sohn und Heiligen Geist als dem Schöpfer, Erlöser und Spender des neuen Lebens wird das Kyrie zum umfassenden Erbarmungsruf der gesamten Schöpfung, der immer wieder neu aus der Tiefe emporsteigt, die gänzliche Verlorenheit dieser Welt bekennt und dabei bereits um die Erlösung weiß. So wird das Kyrie als Bittruf zugleich zum Glaubenslied und auch zum Lobgesang... so feiern wir Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten. Mit dem Kyrie eleison singen wir uns durch unser Leben und mit dem Kyrie treten wir schließlich vor Gottes Thron. Nur mit dem Kyrie im Herzen und auf den Lippen begleitet uns Gottes Barmherzigkeit.“ (S. 22)
Im Laufe der geschichtlichen Entwicklungen in den Liturgien der einzelnen Kirchen ist es zu unterschiedlichen Ausfornungen gekommen, etwa als Friedensektenie in der Chrysostomos-Liturgie, als Trishagion-Gesang (EG 185.4), als eigenständiges Kyrie in Meßvertonungen (EG 1781 ff), als Bittruf in der Litanei (EG 192), als Kyrie-Tropus (EG 178.4), als Gemeindeaklamation zu den Zehn Geboten (Book of Common Prayer), als Gemeindegesang nach dem Sündenbekenntnis (unierte Liturgien), als Teil einzelner Gemeindelieder oder „Leisen“ (EG 99) etc.