Texte zu Gottesdiensten
im Kirchenjahr



Kirchenjahr und Gottesdienst

Klaus Hägele – 05.09.2026

Nach Fulbert Steffensky ist die Kirche aufgerufen, unbekümmert ihre Schätze jenen zu zeigen, denen sie fremd sind und als Kirchenschätze auch bleiben könnten. „Die Kirche soll sich entäußern und ihre Sprache und Bilder in das fremde Land der Säkularität bringen. Sie soll dulden, dass die Fremden sich ihrer bedienen in ihren Ängsten, in ihren Wünschen und in ihren Hoffnungen.“ „Je mehr wir unsere Traditionen [...] uns angeeignet haben und wir spirituelle Menschen sind, um so mehr können wir furchtlos verteilen, was wir haben, und zeigen, wer wir sind.“ „Alle religiöse Sprache hat einen anthropologischen Gehalt. [...] Ihr menschheitlicher Gehalt kann aufgeschlüsselt werden.“

Je tiefer wir uns in die spirituellen Lebensräume der liturgischen Jahreszeiten begeben, desto besser können wir ihre Kraft in existenziellem Leiden, Wünschen, Befürchten und Hoffen zeigen. Im folgenden sollen deshalb in einer Art Tiefenbohrung die Existenziale des Kirchenjahres erhoben werden.

In regelmäßiger Wiederkehr gestaltet und interpretiert das Jahr der Kirche die Zeiten im natürlichen Jahreslauf vom christlichen Glauben her, indem es die Stationen der irdischen Wirksamkeit Jesu Christi, die Glauben schaffenden und Kirche bildenden Erfahrungen des Auferstandenen und des Heiligen Geistes sowie deren Konsequenzen und Wirkungen den Phasen und Höhepunkten des Jahres zuordnet. Die immer gleiche Abfolge dieser Zeiten und Feste kann langweilig wirken. Ihr eingestifteter Sinn liegt in der lebenslangen „Einübung“ geistlichen Lebens, zu dem sie einlädt. Ein Übungsvorgang erfordert geradezu die Monotonie der ständigen Wiederkehr. …

Jeder Gottesdienst für sich vollzieht rituell die Schritte nach, die den Glauben ins Leben bringen: Ankommen – sich Gott öffnen – auf Gottes Wort hören und empfangen – es im Horizont unseres Lebens meditieren – angesichts der Widersprüche zum Evangelium zu Gott rufen und bekennend am Glauben festhalten – sich in die Gemeinschaft mit Christus einladen lassen und seine Nähe kosten – sich in den Alltag senden lassen. Der liturgische Gottesdienst ist der Weg von der Glaubenserfahrung zum gelebten Glauben. In seiner vollen Form, der Messe, wird dieser Weg am ausführlichsten beschritten. …

Doch auch die anderen Gattungen der Liturgie, der Predigtgottesdienst, das Stundengebet, der Kasualgottesdienst, folgen diesem spirituellen Weg, wie er auch dem mittelalterlichen Mystikschema entspricht: (collectio –) oratio – lectio – meditatio – contemplatio (– actio). Luther hat durch die Aufnahme der tentatio, der Anfechtung, im Zusammenhang mit der Kontemplation die Widersprüchlichkeit und Spannung betont, in der die uns zugesprochene Verheißung Gottes mit unserer Lebensrealität steht, und die jeden eigenen menschlichen Aufstieg zu Gott unmöglich macht. Der Mensch kann sich nicht in die Gotteserfahrung hineinkontemplieren. Sie geschieht nur im Festhalten an den Zusagen des Evangeliums gegen die konträre Erfahrungswirklichkeit und existenzielle Zweifel, eben die Anfechtung, hindurch. …

Die Einladung des kirchlichen Jahres zur Einübung in dieses geistliche Geschehen geht vom liturgischen Gottesdienst aus und zielt auf den persönlichen und den gemeinschaftlichen Lebens- und Glaubensvollzug im Alltag mit seinen vielgestaltigen Herausforderungen. Sie setzt dabei, verglichen mit dem kleinen Spannungsbogen des gottesdienstlichen Ritus, eine andere, langfristige Dynamik frei: das zyklische Training von elementaren spirituellen Haltungen, die mit christlichem Leben konstitutiv verbunden sind. Die Ausgestaltung des Jahreslaufs durch eine kontinuierliche Abfolge von unterschiedlich geprägten Zeiten trägt dem geistlichen Anspruch Rechnung, dass der Glaube das ganze Leben der Glaubenden prägen soll. Röm 12,1 spricht vom lebendigen Opfer der Leiber als dem wahren, angemessenen Gottesdienst. Die liturgische Feier endet deshalb mit Sendung und Segen in den Alltag, in dem sich der Gottesdienst im Tun und Lassen der Gesendeten und Gesegneten fortsetzt. Das Kirchenjahr ist dabei so etwas wie ein geistliches Übungsprogramm – nonstop und jedes Jahr von neuem, lebenslang, ganz persönlich genauso wie für die Gemeinschaft. …

Nicht nur die großen Feste des Kirchenjahres Weihnachten, Ostern und Pfingsten transportieren auf je eigene Weise „ein zentrales Geheimnis des Lebens“ Die Wochen des weihnachtlichen und österlichen Festkreises und die lange Zeit des „Halbjahres der Kirche“ ab dem Pfingstfest entfalten die unterschiedlichsten Aspekte der Nachfolge Christi für die Einzelnen und für die Kirche insgesamt im memorierenden Nachgehen auf den Wegen der „großen Taten Gottes“ (Apg 2,11). Die klösterlichen Traditionen der Christenheit haben auf diese Weise Tag für Tag eines ganzen Jahres symbolisch geprägt mit Lesungen, Psalmen und Gebeten, die dazu helfen sollen, sich ganzheitlich am Evangelium zu orientieren. Wer sich auf dieses geistliche Übungsfeld einlässt, kann im Laufe des eigenen Lebens immer wieder erfahren, wie unerschöpflich der Reichtum dieses Weges in das Leben ist.

Klaus Hägele, in Das Kirchenjahr und seine spirituellen Übungsstationen

Kommentare

Reinhard Brandhorst – 05.09.2026 20:04 – Antworten

Wenn du schreibst: Jeder Gottesdienst für sich vollzieht rituell die Schritte nach, die den Glauben ins Leben bringen: Ankommen – sich Gott öffnen – auf Gottes Wort hören und empfangen – es im Horizont unseres Lebens meditieren – angesichts der Widersprüche zum Evangelium zu Gott rufen und bekennend am Glauben festhalten – sich in die Gemeinschaft mit Christus einladen lassen und seine Nähe kosten – sich in den Alltag senden lassen. Der liturgische Gottesdienst ist der Weg von der Glaubenserfahrung zum gelebten Glauben. In seiner vollen Form, der Messe, wird dieser Weg am ausführlichsten beschritten. Dann sehe ich das konkret in der liturgischen Abfolge der Messe als „Weg“ abgebildet und den Entwürfen der Evangelischen Liturgie zugrunde gelegt Sammlung: - Ankommen. Anrufung: - sich Gott öffnen. (in Eingeständnis , Lobpreis, Gebet) Verkündigung: - auf Gottes Wort hören und (es) empfangen. - es im Horizont unseres Lebens meditieren. Bekenntnis: - angesichts der Widersprüche zum Evangelium zu Gott rufen und bekennend am Glauben festhalten. Mahlfeier: - sich in die Gemeinschaft mit Christus einladen lassen und seine Nähe kosten. Sendung: - sich in den Alltag senden lassen.

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