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23. (22.) September


Jona  (blau #) Prophet wider Willen

Jesus deutet im Vergleich mit dem Geschick Jonas seinen eigenen Auftrag: "Denn wie Jona ein Zeichen war für die Leute von Ninive, so wird es auch der Menschensohn sein für dieses Geschlecht, ... denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. (Und siehe, hier ist mehr als Jona.)" (Luk 1130.32)


Zum christlichen "Gedenken der Heiligen" wird häufig auf die "Wolke der Zeugen"" nach Hebräer 12,1 verwiesen; wo eben Abel, Henoch, Noah, Abraham und Sara etc. namentlich genannt werden: Gestalten aus dem Alten Testament. Ihrer zu gedenken, - wie in manchen Kirchen der Ökumene (Orthodoxie, Anglikanische Kirche in Kanada, amerikanische Lutheraner (LCA) - kann  berechtigterweise auch „Thema“ für einen Wochen-Gottesdienst in evangelischer Tradition abgeben. Entsprechend werden Vorschläge für eine abendliche Feier (Vesper) mit Elementen aus der Tagzeitenliturgie geboten.


Eröffnung (Begrüßung)

Gelobt sei Gott, der HERR, der Gott Israels, der allein Wunder tut. Gelobt sei sein herrlicher Name ewiglich und alle Lande sollen seiner Ehre voll werden.  (Ps 72,28.29) R: Amen.

Ein Prophet mit Namen Jona, der  im Nordreich Israel wirksam war, sagte König Jerobeam II.(787-747 v. Chr.) die Rückeroberung der Gebiete bis zum Toten Meer voraus (2. Könige 14, 25). - Der Name Jona wurde später verwendet für den fiktiven Helden der im 4. Jahrhundert v. Chr. entstandenen Lehrerzählung, die seinen Namen trägt und unter diesem Namen als Buch im Alten Testament überliefert ist. Demnach wurde Jona von Gott beauftragt, dem König von Ninive - heute Ruinen bei Mosul - den Untergang vorauszusagen, falls sich sein Volk nicht bußfertig zeigt. Jona wollte diesen Auftrag nicht ausführen, er floh über das Meer in die entgegengesetzte Richtung, nach Westen. Ein lebensbedrohender Sturm brachte Jona zur Einsicht, er bot den Seeleuten Rettung vor dem Sturm an, indem sie ihn ins Meer werfen. Dort wurde er von einem Meerestier verschluckt und nach drei Tagen am heimatlichen Ufer wieder ausgespuckt, woraufhin er den göttlichen Auftrag ausführte. König und Bevölkerung von Ninive waren auf seine Botschaft hin sofort zur Buße bereit, Jona wurde darüber tieftraurig, aber von Gott mit einem Naturschauspiel belehrt, dass seine Gnade und Barmherzigkeit auch den Heiden gilt, selbst wenn als Folge davon das Volk Israel zu leiden habe - in diesem Fall unter der nun weiter bestehenden Übermacht des feindlichen Ninive. (a)

(Lied: Wenn wir in höchsten Nöten sein  (EG 366,1.2.6.7)


(oder) Eröffnung (Ingressus): Herr, bleibe bei uns (EG Wü 781.1)


Psalmgebet

Votum:. Lobt den HERRN, alle Heiden! Preiset ihn, alle Völker! Denn seine Gnade und Wahrheit, waltet über uns in Ewigkeit. Halleluja! (Ps 117)

Psalm des Jona - Ich rief zum HERRN in meiner Angst (EG E. 115)


Tagesgebet 

Beten wir in der Stille zu Gott, der uns hinausführt in die Weite - Stille - 

Gott, du erweist die Fülle deiner Macht vor allem im Erbarmen und im Verschonen:  Lehre uns, allein auf deine Güte zu vertrauen, damit auch wir barmherzig werden und Anteil gewinnen an der Freude des Himmels. Dir sei Ehre in Ewigkeit. (b)


Lesung (Altes Testament): Jona 2, 1-3.31; 3, 1-5.10; (4,1-9) –

 Jona im Bauch des Walfisches und seine Predigt in Ninive


Antwortgesang:  Weise mir Herr, deinen Weg (EG Wü 779.3)


Lesung (Neues Testament): Matthäus 12,30-42 - Das Zeichen des Jona


Antwortgesang: Gelobt sei der Name des Herren (EG Wü 779.4)


Betrachtung (c)


Lied:  Das ist mir lieb, dass du mich hörst (EG 292,1-5)


[ Canticum (d)

Leitvers: Der Herr hat uns aufgerichtet eine Macht des Heiles im Hause seines Dieners David.

Benedictus:  Gelobt sei der Herr, der Gott Israels (EGWü 779.6) ]

 

Fürbitten

Ewiger, unser Gott. Immer wieder ergeht es uns wie Jona:  Unbegreiflich sind uns deine Urteile  und unerforschlich deine Wege. Während wir uns in Zweifeln verlieren, bist du auf der Suche nach uns. Wo wir das Dunkel der Welt beklagen, schaffst du neues Leben. Wenn wir ungeduldig fragen, was aus uns wird, bewahrst du uns in deiner gütigen Hand. Wir rufen dich an. 

R: Kyrie eleison.

Lass die Botschaft von deiner Gnade in der Kirche nicht verstummen. Hilf, dass sie nicht durch selbsterdachte Parolen überschattet wird. Gib allen, die dein Wort verkünden und in der Kirche Leitungsaufgaben haben, die nötige Kraft der Unterscheidung. Führe uns immer neu zur Umkehr im Vertrauen auf deine Barmherzigkeit. Wir rufen dich an:

R: Kyrie eleison.

Lehre uns darauf zu achten, wie du dein Volk Israel in der Geschichte führst. Mach uns offen für deine Wege mit uns fremden Menschen. Lass uns danach fragen, was du uns durch sie sagen willst. Gib, dass wir nicht irrewerden an dem, was wir im Lauf der Weltgeschichte nicht begreifen. Wir rufen dich an:

R: Kyrie eleison.

Bewahre uns davor, uns selbst zu Richtern über andere zu erheben. Bewahre uns davor, die eigenen Deutungen des Lebens zur allein gültigen Wahrheit zu erklären. Bewahre uns davor, angesichts des Dunklen im eigenen Geschick zu verzweifeln. Wir rufen dich an:

R: Kyrie eleison.

Wehre dem Elend überall in der Welt. Steure den Kriegen auf unserer Erde. Stehe den Kranken und Sterbenden, den Trauernden, den Einsamen, den Ratlosen, den Verzweifelten und allen bei, die aus der Bahn geraten sind. Mache uns bereit, mit unseren Kräften bei der Überwindung von Leid und Krankheit zu helfen. Wir rufen dich an:

R: Kyrie eleison. . (e)


Vaterunser


[ Schlussgesang: Verleih uns Frieden gnädiglich (EG 421)

oder Schalom chaverim (EG 434) ]


Segen

Der HERR behüte uns vor allem Übel, er behüte unsre Seele. Der HERR behüte unsren Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit. (Ps 121,7.8) 


Anhang

Zur Gestalt des Jona ben Amittai und die Bedeutung von Ninive und Tarsis

In 2.Kön 14,25, also den „Vorderen Propheten“, die in der Entstehungszeit des Jonabuchs mindestens schon auf dem Weg zu kanonischem Ansehen waren (...), wird in der Rückschau ein Prophet Jona ben Amittai aus Gat Hepher in Galiläa erwähnt, der die von Jerobeam II. vollzogene Rückeroberung der Gebiete „von Lebo Hamat bis zum Meer der Araba“ vorhergesagt haben soll. In Jon 1,1 wird Jona ben Amittai ohne jede weitere Information zur Person, aber auf Grund von „Wortereignisformel, Boteninstruktion und Inhalt der Botschaft“ eindeutig als Prophet eingeführt (... ). Die Erzählung wählt offenbar die in 2.Kön 14,25 genannte Gestalt zur Hauptperson – und dies wurde auch verstanden, denn von hier aus ergibt sich in der Anordnung der Schriften des Zwölfprophetenbuchs die Einreihung Jonas unter die Propheten des 8. Jh.s (...).
Da Jona nach 2.Kön 14,25 die Rückeroberung ehemals israelitischer Gebiete vorhergesagt hat, wird er bisweilen als „Eiferer für sein Volk und gegen dessen (…) Erbfeind“ (...) charakterisiert oder wenigstens als „Heilsprophet“, der das religiöse Selbstbewusstsein Israels in einer Weise gesteigert habe, die von den vorexilischen Unheilspropheten wie etwa Amos kritisiert wurde (...). Durch diese Charakterisierung wird Jona wenigstens tendenziell zur Negativgestalt. Im 2. Königebuch selbst wird sein Wirken aber unter einem anderen Aspekt gesehen. Die Rückeroberungen Jerobeams und die Verkündigung Jonas werden in 2Kön 14,26f als Gnadenakt JHWH s charakterisiert, der Israels Elend sah und seinen Untergang (noch) nicht wollte. ... Das Wirken Jonas wird so in den Rahmen der von JHWH geschenkten Rettung Israels aus der Aramäerbedrängnis gestellt. Wichtig ist dabei, dass es um das in der Sünde Jerobeams I. beharrende Israel geht (2Kön 14,24). Wenn man nun davon ausgeht, dass der Jona-Erzähler sich bei der Wahl seiner Hauptperson eng an 2Kön 14 als Quelle hielt, wird er in Jona einen Vermittler der unverdienten Gnade an ein Israel gesehen haben, dessen Untergang JHWH trotz aller Schuld (noch) nicht wollte. 

Ninive wird im Alten Testament außerhalb des Jonabuchs iim Alten Testament an vielen Stellenn erwähnt sowie in den Apokryphen in Judit und Tobit. An allen diesen Stellen ist es assyrische Residenzstadt, im Nahumbuch und in Zef 2,13-15 ist es als solche Inbegriff des Assyrerreichs. Da die Assyrer Israel und Juda bedrängten, ist mit Ninive eine tendenziell negative, mitunter, wie im Nahumbuch, sogar eine äußerst negative Wertung verbunden. 

Mit Tarsis ist die Vorstellung eines in weiter Ferne liegenden Reiseziels verbunden. ... In Jes 66,19 ist Tarsis zu den weit entfernten Ländern gezählt, in die die Kunde von Gott noch nicht gedrungen ist. Wegen der großen Entfernung einschließlich des Aspektes, dass man dort von Gott nicht gehört hat, ist Tarsis für Jona ein interessantes Fluchtziel. Sein Fluchtversuch wirkt auf den ersten Blick sinnlos: Wohin sollte Jona fliehen wollen, weiß er doch selbst, dass JHWH als „Gott des Himmels“ Meer und Festland (Jon 1,9) geschaffen hat, so dass sein Machtbereich Himmel, Erde und Meer, also schlechterdings alles, umfasst? Gleichwohl hat das Unternehmen vielleicht den rationalen Kern, dass Jona zwar nicht den Machtbereich JHWH s verlassen, aber einen Ort erreichen will, an dem er vor einer weiteren Beauftragung durch seinen Gott sicher ist. Diese Interpretation lässt sich mit dem Hinweis auf nachbiblische jüdische Quellen unterstützen 


Die Reue Gottes – der Prophet als Warner

Die Darstellung in Jon 3,3b-10, dass über Ninive ein Gericht verkündigt wird, dessen Ausführung jedoch unterbleibt, weil JHWH das angekündigte Unheil auf Grund der Buße bereut, lässt sich als erzählerische Ausgestaltung von Jer 18,7f verstehen, zumal in der Niniveszene sprachliche Anklänge an entsprechende Texte des Jeremiabuchs vorliegen (...). In Jon 4,2 zitiert Jona ein Bekenntnis zur Gnade und Barmherzigkeit Gottes, das in der Sinaioffenbarung gründet (Ex 34,6f) und in vielen Texten der Spätzeit aufgenommen wird (...). Allerdings ist es nur hier und in Jon 2,13 um das Element „den das (angekündigte) Unheil reut“ ergänzt. Möglicherweise setzt das Jonabuch das Joelbuch voraus, bezieht aber die Reue Gottes über ein angekündigtes Gericht nicht wie dieses auf das bußfertige Israel, sondern auf andere Völker... Allerdings ist schon von Jer 18,7f her die Gewissheit vorausgesetzt, dass Gott auf die Umkehr der Betroffenen hin ein angekündigtes Gericht bereut und nicht vollzieht, wobei auch die dortige Formulierung nicht auf Israel beschränkt ist. Über Jer 18 geht das Jonabuch aber insofern hinaus, als hier nicht nur „thesenartige Andeutungen“ vorgetragen werden, sondern die Konsequenzen der „Reue Gottes“ gegenüber Ninive bedacht sind (...).

Unter Voraussetzung von Ex 34,6 in Verbindung mit Jer 18,7f kann die Erzählung Jona zuschreiben, dass er von Anfang an wusste, dass JHWH im Fall einer Buße Ninives das Gericht nicht vollziehen wird (Jon 4,2). Auch wenn Jona Prophet ist, ist dazu kein prophetisches Vorherwissen nötig, es reicht die Kenntnis von schon damals kanonischen „Bibeltexten“. Dem Wissen um die Reue Gottes entspricht nicht nur in Jer 18,7f, sondern auch an anderen Stellen (Jer 23,22; Jer 25,4f; Jer 26,2f; Jer 36,3; vgl. auch 2Kön 17,13) ein Verständnis des prophetischen Amtes, nach dem der Prophet nicht unverrückbar feststehende Zukunft vorherzusagen, sondern vor drohendem Unheil zu warnen hat, um den Betroffenen die Möglichkeit zur Umkehr zu geben. Dieses „deuteronomistisch-jeremianische Prophetenverständnis“ ist auch im Jonabuch vorausgesetzt (...). (f)

oder

Jona – Prophet auf der Flucht

In: H. Bedford-Strohm (Hg) Die Personen der Bibel, München 2016, S. 18-20


Quellen und Vorlagen


Soweit nicht anders angegeben sind Bibelverse wörtlich zitiert aus: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung – revidiert 2017, © 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

# als eigenständige liturgische Farbe für das Gedenken alttestamentlicher Gestalten könnte das adventliche Blau (der Erwartung) verwendet werden, wie in der schwedischen und finnischen Kirche sowie in einer Reihe amerikanischer Denominationen (z.B. Lutheraner) gebräuchlich 

[ ] durch Klammern gekennzeichnete Stücke können entfallen

a vgl. Ökumenisches Heiligenlexikon, Artikel "Jona" unter  www.heiligenlexikon.de

b vgl. Evangelisches Gottesdienstbuch, Berlin 2000, S. 371

c ggf. unter Verwendung der Informationen im Anhang

d Die Verwendung des Benedictus als Canticum auch in diesem Abendgottesdienst legt sich nahe, da in der ostkirchlichen Tradition Johannes der Täufer als Repräsentant des ersterwählten Gottesvolkes gesehen wird (vgl. Deisis).

e vgl. Gottesdienstpraxis VI/I, Gütersloh 2001, S.130

f vgl. www.bibekwissenschaft  - Meik Gerhards, Artikel über Jona und das Jonabuch – s. (f)